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Mit Ausdrucksformen wie Happenings, Performances, Life Art und Body Art rückt in den 50iger Jahren der Körper immer mehr in den Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens. Der Mensch wird zum Material, zum Gegenstand der Darstellung, zur Projektionsfläche und zum Experimentierfeld.

 

Mit der stetigen Weiterentwicklung der virtuellen Welt hat die Selbstinszenierung und Darstellung des Körpers eine erweiterte Dimension erreicht. Die Möglichkeiten im virtuellen Dasein, in eine andere Identität zu schlüpfen und damit Teil einer nur am Bildschirm existierenden Gemeinschaft zu werden, die von jener realen sozialen und gesellschaftlichen Lebensform völlig abweicht, erlaubt es die äußerliche Erscheinung ersetzbar und veränderbar zu machen. Der Körper wird zur Hülle, zum Gewand, das jederzeit gewechselt werden kann und somit jedes Bedürfnis nach Achtsamkeit im Umgang verliert. Der virtuelle Leib hat die perfekten Maße, ist sexy, trainiert und vor jeder Alterungserscheinung und Krankheit gefeit. Aufgrund des zur Schaustellens des nach Belieben konstruierten digitalen Ichs in sozialen Netzwerken, wo bevorzugt nur die überspitzten Sonnenseiten mit beständiger Glücklichkeit der Community freigegeben werden, mutiert jeder zum postmodernen Helden. Parallel dazu wird der Körper auch in der realen Welt durch gentechnische und kapitalistische Reproduktion zum modellierbaren Objekt aus getunten Ersatzteilen. Mit echt wirkenden Prothesen des menschlichen Leibes, durch plastische Chirurgie und aus dem Katalog zusammengebauten Retortenbabys schließt sich die Ambivalenz zwischen virtuellem und realem künstlichen Dasein. Globalisierung und Kommerzialisierung tun das Übrige und fördern den Willen nach dem perfekten äußeren Ich, dessen Achills immer kleiner wird und damit das Machtpotential über sich selbst und andere gesteigert wird. Aus dieser besorgniserregenden Entwicklung eines posthumanen Körperdesigns heraus wird in der Kunst der Körper wieder vermehrt zum Einsatzgebiet und ein schonungsloser Umgang mit den natürlich angeborenen Formen ist spürbar. Auch wenn die Lektionen der Radikalkunst von Günther Brus, Hermann Nitsch oder Marina Abramovic noch immer präsent sind und sich diese nicht scheuten allerlei Verletzungen mit scharfem Gerät über sich ergehen zu lassen, ist die Auseinandersetzung und die Inter– und Reaktion mit dem eigenen Körper in der jungen Kunst aktueller denn je. Doch ist der Zugang weitaus burlesker als der skandalös anklagende Aktionismus der 60iger und 70iger Jahre. Auch Fabian Feichter benutzt seinen Körper als Schauplatz für künstlerische Interventionen. Auf verspielte Art und Weise lässt er den Körper zum Gegenstand werden, bei dem er durch Verdrehen, Verbindung, An- und Entspannung die Grenzen auslotet. In Form von Videos oder als Bildsequenzen verarbeitete Aktionen werden zum Parameter der Gesellschaft und sind Analysen der Krisen der Gegenwart und ihre Entwicklung. Die Arbeiten „Gesellschaftlicher Wandel 1 und 2“ zeigen Körperteile, die ähnlich wie eine Sinuskurve Tendenzen nachahmen und zur abstrakten veränderbaren Größe gesellschaftlicher Entwicklungen mutieren. Diese Arbeiten sind Teil einer 13-teiligen Serie, in der jeweils eine Körperpartie zum geometrischen Element wird. Ergänzt werden die Körperlinien durch Zeichnungen, die die Absicht des gesellschaftlichen Zwanges, des „in Form bringen“ noch einmal verstärken.

 

Die Zusammenführung von Körper, Dingen oder der Umwelt und ihre Wechselwirkung wird immer wieder in aufwendigen und kraftraubenden Interventionen vorgeführt, wie etwa in den Arbeiten „The Boy on The Beach“, „Eine Minute des Schweigens“ oder „To salt“. Ob es sich dabei um das beklemmende Gefühl des Atmens in einer Plastiktüte oder das peinigende Zusammennähen zweier Zehen mit Nadel und Faden handelt, die Absicht des Künstlers Natürliches in künstlich erzwungene Gewohnheiten und Formen zu pressen wird deutlich. Noch einmal verstärkt wird dieser bis an die Grenzen der Körperlichkeit getriebene Aktionismus der permanenten Superlativen in der Arbeit „Fünf Stunden im Wald“, in der Feichter einen hochkonzentrierten und dennoch sinnlosen Kampf gegen die Natur und somit am Ende gegen sich selbst führt. Trotz der körperlichen Anstrengung und trotz der für den Betrachter unchoreografierten Bewegungen verbreitet sich nach und nach ein Gefühl des Loslösens. Ein Gefühl der Befreiung von festgefahrenen Regeln und damit tritt das Spüren des eigenen Körpers, eine instinktive Eigenschaft, die heute mehr und mehr der anerzogenen Konvention zum Opfer fällt, in den Mittelpunkt.

 

Fabian Feichters Arbeiten lassen auf groteske und gleichsam humorvolle Weise erleben wozu der Mensch fähig ist. Dabei gelingt es ihm auf eine nicht provozierende Art uns einen Spiegel vorzuhalten, wie absurd und gleichzeitig festgefahren Normen sein können.

 

Lisa Trockner

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